Die Stärkung der psychischen Gesundheit von Mädchen muss an der Wurzel vieler psychischer Probleme ansetzen – nämlich am Selbstwert.
Seit der Corona Pandemie hat sich die psychische Gesundheit von österreichischen Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren deutlich verschlechtert (HBSC-Studie). Vor allem Mädchen gaben an, immer häufiger unter Gereiztheit, Niedergeschlagenheit, Schwierigkeiten beim Einschlafen, Nervosität und Zukunftssorgen zu leiden. Auch die Zunahme von Mobbingerfahrungen und Essstörungen wurden insbesondere bei Mädchen beobachtet.
Gründe für die höhere psychische Belastung bei Mädchen liegen eventuell an einem höheren Druck, gesellschaftlichen Leistungsnormen und traditionellen Rollenbildern zu entsprechen. Um die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu stärken, kommt dem Selbstwert eine wichtige Bedeutung zu.
Unter dem „Selbstwert“ versteht man den Wert, den wir uns selbst als Mensch zuschreiben. Das Selbstwertgefühl entsteht aus der positiven oder negativen Bewertung dessen, wie ich bin, was ich kann oder tue (z.B. „Ich mag meine braunen Haare“, „Ich bin stolz, dass ich so gut Fußball spielen kann“ etc.).
Aber auch unsere frühesten Bindungserfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen prägen den Selbstwert stark. Reagieren Eltern feinfühlig und angemessen auf die Grundbedürfnisse eines Kindes, vermitteln sie dem Kind: „Du bist gut, so wie du bist.“ Das Gefühl liebenswert, anerkannt und wertvoll zu sein stellt einen großen Resilienzfaktor in der Entstehung psychischer Erkrankungen dar:
- Menschen mit hohem Selbstwertgefühl können Rückschläge besser verkraften und sind widerstandsfähiger gegenüber Stress.
- Kinder mit geringem Selbstwert tun sich schwerer Freundschaften zu schließen und angemessen mit sozialen Situationen umzugehen.
Den Selbstwert stärken
Der Selbstwert ist eng geknüpft an unser „Selbstvertrauen“ – also dem Wissen um unsere Stärken und Schwächen und die Akzeptanz dieser. Eine erste Übung könnte darin bestehen, in Selbstreflexion zu gehen und sich die Fragen zu stellen: Was kann ich besonders gut? Was fällt mir schwer? Wofür werde ich von anderen gemocht? Ziel ist es, den Selbstwert differenzierter betrachten zu können (z.B.: „Ich bin sehr kreativ, dafür fällt es mir schwerer, mich zu organisieren – und das ist ok“).
Positive Erfahrungen machen
Der Selbstwert nährt sich nicht nur durch Lob und Anerkennung von Außen, sondern durch das eigene Erleben von Erfolgen. Die Interessen eines Kindes zu fördern (z.B. durch die Ausübung von Hobbies) stärkt ungemein das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Vor allem Aktivitäten mit Gleichaltrigen in der Gruppe sind wichtig, um dem Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz und Zugehörigkeit gerecht zu werden, das bei Jugendlichen besonders stark ausgeprägt ist.
Selbstsicherheit trainieren und Selbstständigkeit fördern
Gerade durch die Pandemie und die Isolation in den Lockdowns haben Diagnosen wie Angststörungen und Soziale Phobien zugenommen. Viele Mädchen, die davor schon selbstunsicher waren, entwickelten durch die fehlende Übung sozialer Konfrontation eine Angststörung. Wenn Eltern bei Ihrem Kind Schwierigkeiten in sozialen Situationen wahrnehmen, so sollten sie es immer wieder bestärken, gewisse Alltagserledigungen selbst in die Hand zu nehmen (z.B. Bezahlen/Bestellen im Supermarkt, Telefonate, Ausmachen von Arztterminen/Verabredungen mit Freundinnen etc.). Soziale Kontakte zu fördern, ohne das Kind dabei zu überfordern, kann den Selbstwert ebenso stärken.
Den inneren Kritiker kennenlernen und in die Schranken weisen
Jeder von uns besitzt eine innere kritische Stimme (meist eine Internalisierung strafender/kritisierender/fordernder Autoritätspersonen, wie ein Elternteil oder Lehrer). Menschen mit geringem Selbstwert, hören diese innere kritische Stimme besonders häufig und streng zu sich sprechen.
Eine Übung kann sein, dem inneren Kritiker eine Gestalt zu geben, sich seiner Anwesenheit in bestimmten Situationen (z.B. häufig, wenn wir Fehler machen) bewusst zu werden und ihn anschließend zu begrenzen. Ziel ist ein mitfühlenderer Umgang mit sich selbst.
Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und regulieren
Entscheidend für ein stabiles Selbstwertgefühl ist es, gut auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Das Vorhandensein negativer Emotionen ist ein Hinweis darauf, dass gerade mindestens ein psychisches oder körperliches Grundbedürfnis frustriert ist. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl nehmen ihre Gefühle häufig nicht ernst (weil sie früher auch nicht ernst genommen wurden) und hindern sich somit an einer bedürfnisorientierten Lebensführung.
Grenzen setzen
„NEIN“ sagen zu können ist eine schwierige und dennoch äußerst bestärkende Erfahrung, gut für sich und seine Bedürfnisse einstehen zu können. Vor allem beim Thema Mobbing, ist die Fähigkeit, sich selbst verteidigen zu können äußerst wichtig. Auch wenn diese in schweren Formen von Mobbing nicht das Eingreifen auf systemischer Ebene (mit Eltern und Lehrern) ersetzt.
Der Umgang mit Körperbildern
Um Mädchen in einem gesunden Verhältnis zu ihren Körpern zu bestärken, ist es wichtig, ihren Glauben an geltende gesellschaftliche Körperideale zu erfragen und mit ihnen zu diskutieren.
Auch der Einfluss sozialer Medien auf die eigene Körperakzeptanz sollte mit Mädchen konkret besprochen werden (z.B. Welchen Online-Profilen folge ich? Was lösen diese in mir aus?).
Selbst der in den letzten Jahren in Mode gekommene Begriff der „Body Positivity“-Bewegung (= „Alle Körper sind schön“) sollte kritisch hinterfragt und durch den Ansatz der „Body Neutrality“ ersetzt werden. Das bedeutet, den eigenen Körper als funktionales Instrument zu sehen, der einen durchs Leben trägt und der sich idealerweise gut anfühlt – weg vom Anspruch des ewigen „Schön-Sein-Müssens“.
Sich von der Meinung anderer unabhängiger machen
In unserer menschlichen Evolutionsbiologie ist es verankert, dass wir bei anderen gut ankommen wollen (um nicht vom eigenen Stamm ausgestoßen zu werden). Gerade das Jugendalter bildet eine hochsensible Phase für das Bedürfnis nach sozialer Integration. Dennoch kann es helfen, sich bewusst zu machen, dass jeder Mensch sein Leben nach seinen eigenen Werthaltungen und Interessen gestalten darf, was folglich immer mit sich bringen wird, von den Vorstellungen, Meinungen und Werten anderer Menschen abzuweichen. Sich seiner Individualität bewusst zu werden und diese wertzuschätzen ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe in dieser Altersspanne.
Wenn wir Mädchen darin bestärken, an sich zu glauben, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihren eigenen Weg zu gehen, gewinnen sie Schritt für Schritt die innere Stärke, die sie für ein gesundes und selbstbewusstes Leben brauchen.

Geschrieben von:
Mag. Lisa Hahn
Klinische- und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin




